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Schöner wohnen im deutschen Hühnerstall

Tiefe Einblicke in das Leben von 40 Millionen Eierproduzenten

Von Manfred Kriemer

Wer 4500 Augenpaare auf einmal sieht, erschrickt. So viele? Ja, so  viele. Jeder Schritt nach vorn löst im Hühnermeer eine zeitverzögerte Welle aus, ein Wogen von Hälsen, Kämmen, Schnäbeln. Kopf an Kopf sitzen sie am Boden, auf Kotbrettern und Stangen, suchen mit aufgeplustertem Gefieder die Wärme. In dem kleinen Nest Grimme in der Uckermark, 20 Kilometer vor der polnischen Grenze, ist der Winter nicht mehr weit. Draußen tanzen einzelne Schneeflocken, drinnen gibt's gemütlichen Stehblues. Es ist 10 Uhr auf der Bio-Hühnerfarm Eiland von Christiane Binsfeld und Frank Richter. Die meisten Hennen haben ihr Ei schon gelegt. Jetzt dösen sie und tun, was der Fachmann legegackern nennt: Sie berichten von ihrer guten Tat. Hühner sind stolz auf ihre Eier. Die sind längst auf dem Fließband gelandet, abgewogen, von Greifarmen vollautomatisch den Gewichtsklassen zugeordnet, von schnellen Händen in Kartons sortiert. Perfekter Nestraub.
Nach dem Legen öffnen sich die Schläge. Ein überdachter Schlechtwetterauslauf bildet den Übergang zu fünf Hektar Wiese. Ein aufgeschütteter Wall mit Büschen und Bäumen sorgt für Schatten und Raubvogelschutz. Die ersten Hennen kommen neugierig angerannt, laufen zwischen unseren Füßen herum, picken an den Schuhen. Richters Hennen können richtig picken, die Schnäbel der Belegschaft sind nicht kupiert, aus Angst vor gegenseitigem Hacken. Aber nicht nur die Schnäbel sind vorzeigbar. Der ganze Hof hat einen guten Ruf als Bio-Betrieb: modern und rationell, aber artgerecht. Die vernünftige Haltung von Legehennen - hier, in dem freundlichen Kiefernholz-Stall mit Satteldach und Gardinen an den Fenstern, kann sie besichtigt werden.
Doch auch dieser Betrieb braucht Turbos, wie Richter seine weißbraun gescheckte Hühnerschar nennt. Er meint damit, dass seine Hennen Hochleistungssportler sind, deren Organismus nur auf ein Ziel programmiert ist: legen, legen, legen. Andere, robustere, natürlichere Hühner kann sich auch ein Bio-Betrieb nicht leisten. „Dann würde das Ei fast einen Euro kosten." Denn die anderen, die alten Rassehühner vom Schlage Sussex, Italiener, Rhodeländer oder Barnevelder, legen nicht mal halb so viele Eier wie die Hybriden. Sie sind über Jahrzehnte auf Legeleistung getrimmte SpezialZüchtungen, die alle von einer einzigen Rasse abstammen: dem weißen Leghorn. So regiert Uniformität statt Vielfalt im Hühnerstall und dazu ein ausgeprägtes Monopol. Nur drei Konzerne teilen sich den weltweiten Markt für Junghühner. Als Richter vor zwölf Jahren anfing, musste auch er Turbos kaufen: H & N Silver Nick heißen heute seine Hennen, eine Hybridlinie, die es im Freiland der Uckermark auf jährlich 270 Eier pro Tier bringt. Im Käfig würden sie sogar 300 Eier legen. Solche Spitzenleistungen sind teuer erkauft. 50 Prozent der männlichen Küken der Legehybriden - in Deutschland rund 40 Millionen - gelten als Abfall und werden nach dem Schlüpfen vergast oder zerschreddert. Die weiblichen Tiere sind zwar hyperfleißige Eierleger, aber als Hochleistungshühner auch aggressiv und anfällig. Viele Betriebe haben Probleme mit Federpicken und gegenseitigem Tothacken. Richter hat das Problem nach vielen Jahren im Griff. Sein Rezept: „Die Hühner brauchen einen ruhigen, immer gleichen Tagesablauf und Ablenkung durch Beschäftigung." Er hat zur Beruhigung 40 Hähne eingestallt, ein Hahn für 100 Hennen. Die Sorgen für soziale Kontrolle im Hühnervolk. Seitdem gibt es weniger Streit und dafür richtigen Sex.

Von 2009 an neue Vorschriften für Käfighaltung

Auch sonst ist das Hühnerleben in Grimme recht heimelig - bis auf Habicht und Fuchs, die im Laufe des Jahres rund 100 Hühner erbeuten, der Preis der Freilandhaltung. Dafür können sich die Tiere bewegen, scharren, staubbaden. Sie können Würmer und Käfer suchen, Gräser und Samen picken. Ihre Kotbretter im Stall sind einem Baum nachempfunden mit verschiedenen Kletterebenen. Tageslicht, Sonne und Jahreszeit sind präsent. Zum Legen gibt es abgedunkelte Gemeinschaftsnester. Nur die Keimbelastung ist bei Freilandhühnern höher als bei Käfighühnern. Dafür sind in Grimme Import-Soja, Arzneimittel-' orgien, künstliche Dotterfärbung, Hormon- und Enzymgaben tabu. Und die Eier schmecken besser.
Da wird das Käfighuhn richtig neidisch. Dessen Leben ist noch bis 2009 die Kompaktanlage. Hunderttausende Hennen leben in riesigen Stallkomplexen im genormten Eurokäfig mit computergesteuerter Futterverteilung, Schwerkraftlüftung und Fäkalentsorgung auf Trockenkotbasis. 550 Quadratzentimeter Platz pro Huhn, das berühmte DIN-A4-Blatt. Dazu Reizarmut, kein Tageslicht, keine Jahreszeit, keine Sonne, kein Wurm, keine Einstreu. Die Krallen sind wegen des Gitterbodens oft verwachsen, dazu kommen Ballengeschwüre, verpickte Kloaken, vergrößerte Kämme, hysterische Kopf Schüttelbewegungen, Muskelschwäche, Skelettdeformationen. Nachdem dies das Bundesverfassungsgericht im Juli 1999 als Tierquälerei gebrandmarkt hatte, mussten neue Haltungsformen her.
2002 wollte die grüne Vorkämpferin Renate Künast ein totales Käfigverbot durchsetzen. Doch nach dem Ende von Rot-Grün wurde der Käfig schnell wieder rehabilitiert. Jetzt heißt er aber nicht mehr Käfig, sondern Kleingruppenhaltung. Schöner wohnen! Die Käfighennen bekommen nach den neuen Vorschriften, die am 1. Januar 2009 in Kraft treten, etwas mehr Platz (800 Quadratzentimeter) plus Sitzstange, kleine Einstreufläche und Gemeinschaftsnest. Bis zu 60 Hennen bilden auf viereinhalb Quadratmeter Wohngemeinschaftsfläche eine sogenannte Kleingruppe.
Die Eierlobby wird nicht müde, dies als Revolution zu verkaufen. „Der Mobilitätsfaktor hat sich um das 18,5-Fache erhöht", behauptet der Informationskreis Legehennen. Tatsächlich ist eine leichte Verbesserung zu konstatieren, aber auch nicht mehr. Der Deutsche Tierschutzbund ist nicht zufrieden. „Käfig bleibt Käfig", argumentieren die Tierschützer und monieren, dass auch die Kleingruppenhaltung „keine tiergerechte Haltungsform" sei. Verhaltensstörungen, Federpicken und Kannibalismus •werde es auch in den neuen Käfigen geben. Wegen der noch immer bestehenden Enge würden die Hennen weiter leiden. Zudem gebe es großzügige Übergangsfristen. In Härtefällen dürfen die Hühnerbarone die alten Käfige noch bis Ende 2009 nutzen, in manchen EU-Staaten sogar bis 2011.
Der Verbraucher beobachtet solche Veränderungen im Hühnerstall aus deutlicher Distanz. 210 Eier isst jeder Deutsche im Jahr, wobei der Einkauf aus Boden- und Freilandhaltung zugenommen hat. Vor zehn Jahren kamen noch über 90 Prozent unserer Eier aus dem Käfig. Jetzt leben nur noch 67,6 Prozent von 40 Millionen Hennen in Deutschland hinter Gittern, so die aktuellen Zahlen vom Dezember 2007. 4,4 Prozent werden nach Bio-Vorschriften gehalten, 10,9 Prozent im Freiland, 17 Prozent in Bodenhaltung. Eier aus Kleingruppenhaltung dürfen künftig nur als „Käfigeier" bezeichnet werden. Zumindest an diesem Punkt ist die Eierlobby mit dem Versuch des Etikettenschwindels gescheitert.
Und was sagen die Hühner dazu? Die meisten Eiland-Hennen dösen im Stall, für Spaziergänge ist es heute zu kalt. Hier und da ein Gackern, das klingt nicht unzufrieden. Und viel mehr ist von einer pflichtbewussten deutschen Legehenne wohl auch nicht zu erwarten.

Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 8. November 2008

Mit freundlicher Genehmigung von Manfred Kriemer